Das Cluster Medizintechnologie

Vom Netzwerk zum Kooperationsnetz

Mürrisch zieht der Patient die Mundwinkel nach unten. Sein Fuß wippt unkontrolliert. Beim Blick auf die Armbanduhr legt der Mann die Stirn in Falten. Acht Stunden ist er schon auf der Krankenhausstation – und wartet nun auf die Unterschrift des zuständigen Arztes.

Projektsteckbrief

Ansprechpartner:

Cluster Medizintechnologie
Elmar Bourdon
elmar.bourdon@mannheim.de
Rathaus E5
D-68159 Mannheim
Tel.: +49 621 293-2155

Doch wo sich der gerade aufhält, weiß niemand. „Leider kein Einzelfall“, betont Andreas Clesienne. Beim MedTechDialog, der auf dem Gelände des UMM-Campus in Mannheim sein dreijähriges Bestehen feiert, beleuchtet der Experte von PwC Healthcare Consulting Potenziale der Digitalisierung im Gesundheitswesen. In seinem Anwendungsbeispiel zeigt er Optimierungsmöglichkeiten auf der Grundlage von Lokalisationsdaten auf.

So wurden im konkreten Fall unter anderem die Laufwege von Patienten und Mitarbeitern aufgezeichnet und anschließend analysiert. Engpässe, fehlende oder fehlerhafte Koordination oder ineffiziente Routinen kamen so ans Licht – und die Abläufe auf den Prüfstand. Das Resultat: Die Wartezeit pro Patient halbierte sich, die Pflegekräfte mussten ein Viertel weniger an Strecke pro Tag zurücklegen. Gleichzeitig konnten 30 Prozent mehr Patienten am Tag behandelt werden. „Nicht nur ein wirtschaftlicher Gewinn“, resümiert Clesienne.

In Zeiten, in denen sich der Gesundheitsmarkt massiv verändert, müssen Unternehmen ihre etablierten Geschäftsmodelle überdenken, um nicht von Wettbewerbern abgehängt zu werden. Davon ist auch Dr. Elmar Bourdon überzeugt. „Innovationen werden kleinteiliger und auf Patientensegmente zugeschnitten“, erläutert der Clustermanager Medizintechnologie eine Beobachtung aus dem Kontext der Personalisierten Medizin (PHC). Gleichzeitig müssten Entwickler immer größere Abschnitte des Behandlungspfades abdecken.

„Die Krankenkassen wollen möglichst wenige Personen auf der anderen Seite des Schreibtischs sitzen haben“, spitzt Bourdon zu. Das führe unter anderem dazu, dass Unternehmen immer häufiger gemeinsam mit Partnern ihre Produkte entwickeln oder vermarkten. „Vor diesem Hintergrund ist erfolgreiche Clusterarbeit wichtiger denn je“, unterstreicht der Clustermanager. Optimistisch blickt er auf die Zusammenarbeit der MedTech-Akteure am Standort Mannheim, die sich in vielen Fällen „vom Netzwerk zum Kooperationsnetz gewandelt“ habe. Damit meint er nicht nur die mehr als 90 Unternehmen und ihre insgesamt rund 9500 Mitarbeiter im Wertschöpfungsnetzwerk der Quadratestadt, sondern die vielen Partner in der Metropolregion Rhein-Neckar im Umkreis einer Autostunde um Mannheim, die ebenfalls zum Einzugsgebiet des Clusters Medizintechnologie zählen. Nur ein Beispiel für erfolgreiches Miteinander sei die „Industrie-in-Klinik-Plattform Mannheim“ – mit dem Ziel, klinikintegrierte Produktentwicklung voranzutreiben.

Derweil arbeite die Initiative „Wipomed“ (wireless power for medical devices) an einer Technologieplattform zur drahtlosen Energieübertragung für verschiedene Gerätekategorien, vom Implantat bis hin zu sogenannten Wearables.

Positive Impulse für die hiesige Medizintechnologie erhofft sich Bourdon auch von der unlängst beschlossenen Kooperation des Verbands Region Rhein-Neckar (VRRN) mit der belgischen Provinz Flämisch-Brabant um deren Hauptstadt Leuven. Einer der Schwerpunkte soll auf dem Gebiet der Life Sciences liegen. Zudem begrüßt der Clustermanager die Etablierung einer regionalen Koordinierungsstelle des Europäischen Instituts für Innovation – kurz: EIT Health – in Mannheim und Heidelberg. Von hier aus lenkt das sogenannte Co-Location Center die Aktivitäten des paneuropäischen Gesundheitskonsortiums in Deutschland und der Schweiz. Eines der Ziele ist es, rund 165 branchenspezifische Start-ups zu initiieren.

Doch ungeachtet der enormen Bedeutung des Wissens- und Technologietransfers: Gerade jungen Unternehmen fehlt es oft an Geld, um ihre Entwicklung voranzutreiben. „Die ersten 250 000 bis 500 000 Euro zusammenzubekommen, ist am schwersten“, attestiert Clustermanager Bourdon. Mit solchen Summen lasse sich bereits viel bewegen. Genau darauf fußt das Geschäftsmodell der aescuvest GmbH, das Dr. Patrick Pfeffer beim MedTechDialog präsentiert. „Wir wollen eine digitale Plattform bereitstellen, um Innovationen mit medizinischem Bezug in den Markt zu verhelfen“, sagt der Geschäftsführer des auf Crowdfunding spezialisierten Fintechs. Innerhalb weniger Minuten und mit wenigen Klicks könne sich ein Investor durch ein online vergebenes Nachrangdarlehen an einem Start-up beteiligen.

„Alle Projekte beinhalten eine fachliche Absicherung durch unseren Wissenschaftlichen Beirat sowie eine betriebswirtschaftliche Begutachtung durch den Beirat der Investoren von aescuvest“, verspricht Pfeffer. Nur zwischen einem und fünf Prozent der Finanzierungsanfragen landeten auf der Projektseite. Ist die erforderliche Summe erreicht, erhält aescuvest eine Beteiligung, die Investoren profitieren am Umsatz und Gewinn des Start-ups. Vorausgesetzt, das Jungunternehmen scheitert nicht – dann ist das angelegte Geld weg.

Zum Schluss gibt Pfeffer ein Beispiel für ein finanziertes Projekt: 129 Investoren haben es der eMovements GmbH ermöglicht, „ello“ zu realisieren – einen Rollator mit elektrischem Antrieb und elektrischer Bremsunterstützung. „Das“, betont Pfeffer, „verschafft vielen älteren Menschen mehr Sicherheit und Lebensqualität“.

Text: Dennis Christmann (Dies ist eine gekürzte Version eines Textes aus econo Rhein-Neckar 1/2017, http://econo-rhein-neckar.de/)

Link:
http://www.medtech-mannheim.de/